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Tom Wilke
Kundenberater, Naturata Bioladen 
Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg gGmbH
Wernigerode
„Ich glaube, nichts geschieht aus Zufall. Im Grunde hat alles seinen geheimen Plan, auch wenn wir ihn nicht verstehen." – Carlos Ruiz Zafón –
Haben Sie schon einmal etwas von Eddi gehört? Wahrscheinlich nicht! Eddi steht für „Erhalt der dörflichen Infrastruktur“. Und, „Eddi“ ist der Name eines kleinen Dorfladens in Weddersleben, in dem sich die gut 1.000 Einwohner mit alltäglichen Dingen versorgen können. Lebensmittel, Drogerieartikel, Snacks oder Zeitungen gehören ebenso zum Sortiment wie ein eigener Backshop für frisches Brot und Brötchen oder Kuchen. Nicht zu vergessen, die Fleischereiabteilung mit ausschließlich Produkten aus der Region. Derartige „Tante-Emma-Läden“ existieren sicherlich noch in anderen Dörfern und Eddi ist auf den ersten Blick nichts Besonderes. Doch, wer einen Blick hinter die Kulissen wirft, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Gründe lesen Sie in dieser Geschichte über einen jungen Mann mit Behinderung, der seit dem Ende seiner Schulzeit zu den Werkstätten der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg gehört. Er heißt Tom Wilke, wuchs in Wernigerode auf, ist 23 Jahre jung, geistig behindert und hat eine Form von Autismus.

Hier ist seine Geschichte: „Ich war schon als Baby anders als die anderen. Bei meiner Geburt wog ich 4000 Gramm und war zehn Zentimeter größer als normale Neugeborene.“ Gleich nach der Schule begann Tom Wilke in den Werkstätten der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg mit seiner Ausbildung im Berufsbildungsbereich. Fast die meiste Zeit dieser zwei Jahre arbeitete und lernte Tom im Bereich „Hauswirtschaft und Gastronomie, und ich arbeitete auch in der Kantine der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg.“ Als die zwei Jahre vorbei waren, entschied sich Tom Wilke in dem Laden, den die Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg als Werkstätte betreibt, zu arbeiten. 

Sie ahnen es sicherlich: Tom wollte in den Wedderslebener Dorfladen Eddi, der im November 2015 wieder eröffnet wurde, und seitdem ein fester Anker in der Versorgung der Wedderslebener ist. Und so begann Tom Wilke im August 2018 im Eddi – einem Dorfladen mit stürmischer Geschichte: 2006 eröffnete die Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg in Quedlinburg den „Cap-Markt“, damit dort Menschen mit Behinderung arbeiten können. Zum Cap-Markt gehörte auch der Dorfladen in Weddersleben. Nach einigen Jahren entbrannte zwischen dem Land und der Lebenshilfe eine Kontroverse, über die kostenmäßige Einstufung des Cap-Supermarktes. Die Lebenshilfe Harzkreis-Lebenshilfe betrachtete den Cap-Markt und die Dorffiliale als festen Bestandteil der „Werkstatt für behinderte Menschen“ (WfbM). Das Land dagegen wollte den Markt in Quedlinburg in einen „Integrationsbetrieb“ umwandeln. Es hielt einen Standort in Quedlinburg für nicht notwendig. Diese Umstufung, hätte zur Folge gehabt, dass Mitarbeiter mit Behinderung genauso wie sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer eingestuft werden. Damit hätten alle Betroffenen ihren Status als Arbeiter in einer WfbM und auch sämtliche damit verbundenen Rentenansprüche verloren. 

Geschäftsführer Andreas Löbel erinnert sich: „Von unseren 15 Menschen mit Behinderung hätten wir lediglich drei übernehmen können, um die Wirtschaftlichkeit des Geschäfts aufrechtzuerhalten.“ Das kam für die Lebenshilfe nicht infrage, die Umwandlung wurde abgelehnt und der Cap-Supermarkt geschlossen. Ursprünglich war auch die Schließung des Wedderslebener Dorfladen betroffen, da dieser sich nicht rechnete. Doch dagegen liefen die Einwohner Sturm, und so war der Lebenshilfe schnell klar, dass der Laden nicht aufgegeben werden dürfe. Nicht nur, damit Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz haben. „Es war auch wichtig für uns, dass die Versorgung für die Dorfbewohner sichergestellt blieb“, sagt Andreas Löbel. Dank der Unterstützung von vielen Dorfbewohnern ist dies dann auch gelungen. 

Vor der Wiedereröffnung wurden die Wedderslebener mit „ins Boot genommen“: „Wir wollten wissen auf welche Waren und Produkte Wert gelegt wird“, erinnert sich Andreas Löbel. Auch der neue Name „Eddi“ wurde aus den Vorschlägen der Dorfbewohner ausgewählt. Nachdem die Lebenshilfe wusste, wohin es gehen sollte, wurde der Markt in Weddersleben komplett „auf den Kopf gestellt“ und rundum erneuert: Neuer Name, neue Einrichtung, neues Konzept. Von nun an setzten die Betreiber auf regionale Produkte. Dafür wurden 70 Firmen aus der Region gewonnen – darunter eine Bäckerei aus Rieder und eine Fleischerei aus Thale. Zusätzlich wurde eine Wäscheannahme, Poststelle und Lotto integriert. Andreas Löbel: „Wir waren uns bewusst, dass sich Eddi auch künftig nicht rechnen würde. Ein wichtiger Grundsatz unserer Arbeit ist, dass wir Zusammenleben gestalten.“ Deshalb ist es der Lebenshilfe wichtig, dass ein Projekt wie der Eddi beweist: Eine Werkstatt ermöglicht nicht nur Menschen mit Behinderung die aktive Teilhabe an unserer Gesellschaft. Werkstätten geben auch sehr viel an die Gesellschaft zurück. Deshalb halten die Werkstätten neben industriellen Kundenketten und verschiedenen Dienstleistungsangeboten auch zahlreiche Angebote bereit, die für die Gesellschaft und das Gemeinwesen positiv sind: Recyclinghöfe. Dorfläden. Tagungszentren. Und sogar einen Tierpark.

Zurück zum Eddi – als Tom Wilke dort die Arbeit aufnahm, hatte sich der „Tante-Emma-Laden“ zu einem kleinen Dorf-Kommunikationszentrum entwickelt. Fünf Tage in der Woche, also von montags bis freitags, wurde Tom von einem von der Lebenshilfe beauftragten Taxi-Unternehmen abgeholt und am Nachmittag zurückgebracht. Erst noch vom Elternhaus. Später wartete er vor seiner Wohnung in Wernigerode, die er von einer Tante übernommen hatte, auf den Fahrdienst. Im Eddi angekommen ging es gleich mit der Arbeit los: Ware annehmen und auspacken. Regale auffüllen: „Ich habe auch täglich das Mindesthaltbarkeitsdatum überprüft“, erzählt Tom, „es durften ja keine bereits abgelaufenen Waren in den Regalen stehen.“ Zwischendrin half er immer Kunden im Eddi, die irgendetwas suchten – Eier, den Senf oder eine bestimmte Zahnpasta. „Ich habe unsere Kunden auch bedient“, erzählt der junge Mann stolz. Er fährt fort: „Wir haben auch Harzer Schlemmerkisten, mit Produkten aus der Region eingepackt und verkauft“, sagt Tom. „Einmal habe ich einem Mann 50 Kisten verkauft. Ich glaube, er wollte anderen Menschen eine Freude machen.“

Nach der Arbeit verbringt Tom die meiste Zeit in seiner Wohnung. Er hört gern Musik, spielt mit Lego-Bausteinen oder sieht fern: „Am liebsten SpongeBob.“ Und die Wochenenden verbringt er fast immer bei seiner Mutter in Königshütte: „Wir machen Ausflüge, besuchen meine Geschwister in Elbingerode oder andere Verwandte.“ Tatsächlich ist für Tom „Langeweile“ ein Fremdwort: „Ich habe immer etwas zu tun und kann mich sehr gut allein beschäftigen“ bemerkt er.

„Tom hat sich im Eddi richtig wohlgefühlt“, berichtet Andreas Gutsche, der sich seit vielen Jahren als Lebenshilfe-Mitarbeiter im Sozialen Dienst um ihn kümmert. Alles war also perfekt. Doch dann passierte etwas, das Tom aus der Bahn warf und es ihm unmöglich machte, weiter im Eddi zu arbeiten. „Tom hat im Taxi immer vorne gesessen“, erzählt Andreas Gutsche, „das wussten alle Fahrer und hielten sich daran.“ Anfang des Jahres wurde Tom von einem Fahrer abgeholt, der davon nichts wusste. Und prompt setzte er Tom auf die Rückbank. Dieser wiederum traute sich nicht, etwas zu sagen und litt so sehr unter dieser Fahrt, dass er nicht mehr im Eddi arbeiten wollte. „Alles Zureden half nichts“, erinnert sich Andreas Gutsche, der dann schnell die Eigeninitiative ergriff: „Ich habe mich überall umgeschaut, ob es nicht irgendwo einen anderen Arbeitsplatz für Tom gibt.“ Dabei stieß er auf einen Naturata Bioladen in der Nähe von Toms Wohnung. „Das wäre es“, dachte Andreas Gutsche, „und suchte das Gespräch mit Geschäftsführer Ralf Messerschmidt.“ Der erklärte sich bereit, Tom erstmal für ein zweiwöchiges Praktikum einzustellen, dann würde man weitersehen. Das war im Februar 2023. Tatsächlich ist Tom bis heute in dem Bioladen: „Nach dem Praktikum schloss ich einen Vertrag über einen Außenarbeitsplatz mit der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg“, erzählt Ralf Messerschmidt. „Tom hatte sich als zuverlässig und freundlich gegenüber unseren Kunden und Mitarbeitern erwiesen. Außerdem erledigte er seine Aufgaben akribisch und immer den Anweisungen entsprechend.“ 

Und Tom? Er ist glücklich, dass er eine Arbeit gefunden hat, zu der er nicht mehr gefahren werden muss. „Ich bin in fünf Minuten im Laden. Dadurch habe ich viel mehr Zeit als zuvor und kann sogar länger schlafen. Im Bioladen sind alle Mitarbeiter nett und freundlich.“ Was ihn besonders freut: „Die neuen Kollegen und unsere Kunden schätzen meine Arbeit und meine Person. Das ist ein wunderbares Gefühl.“ Und ein weiteres Steinchen im Mosaik Inklusion…