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lag zwillinge henri und heiko müller
Heiko und Henri Müller
Zeitzeugen
Lebenshilfe Harzvorland gGmbH
Giersleben
„Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Redengeformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung!“ – Albert Einstein –
Das Wohl und die umfassende Teilhabe von geistig behinderten Menschen und ihren Familien ist das Ziel der Lebenshilfe. Dafür ist es wichtig, dass jeder behinderte Mensch selbstständig und selbstbestimmt leben kann und dabei individuell begleitet und unterstützt wird – wie er es für sich braucht. Ein entscheidender Faktor dafür ist, dass Menschen mit Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird und so auch mehr soziale Gerechtigkeit entsteht. Das System passt sich also den Menschen an (Inklusion) und nicht umgekehrt (Integration).

Die eineiigen Zwillinge Heiko und Henri Müller aus Giersleben sind ein Beispiel von vielen dafür, was Inklusion im Alltag bedeutet. Hier ist ihre Geschichte: Geboren wurden Heiko und Henri am 3. September 1965 in Aschersleben als jüngste von sechs Kindern. Ihre Mutter führte den Haushalt, der Vater arbeitete als Heizer auf einer Dampflok. Irgendwann in der Kindheit wurde in der ehemaligen DDR festgestellt, dass die Zwillinge geistig behindert sind.

Mit sieben Jahren zogen Heiko und Henri in die Kinderwohnstätte der heutigen „Schloss Hoym Stiftung“ ein. Heiko erinnert sich: „Das war ein Heim für behinderte Mädchen und Jungen.“ Von Montag bis Freitag lebten und lernten die Zwillinge im Schloss, am Wochenende ging es nach Hause zur Familie. Hier kümmerten sich die Eltern und Geschwister um Heiko und Henri.  Gemeinsame Ausflüge und Urlaube waren ebenso selbstverständlich wie Mithilfe im Haushalt.   „Und es gab oft fröhliche Feiern mit Freunden“, erzählt Heiko, „unsere Mutter war eine Frohnatur und hatte gern Gäste im Haus.“

„Seit wir denken können, halten wir zusammen wie Pech und Schwefel“, erinnert sich Henri. 1978, also mit 13 Jahren, war für die Zwillinge die Zeit im Heim vorbei. Die Müller-Jungen wurden in der geschützten Abteilung für Behinderte im ehemaligen VEB Optima Aschersleben untergebracht. Hier wurden Verpackungen aller Art produziert: „Morgens wurden wir zu Hause abgeholt, abends zurückgebracht“, sagt Henri und ergänzt: „Das war eigentlich keine schlechte Zeit. Wir hatten Arbeit, wurden gut betreut und bekamen zusätzlich zur Rente noch einen guten Lohn dazu.“

Zeitensprung: 1990 entstand aus der geschützten Abteilung des VEB Optima die Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung – Kreisvereinigung Aschersleben e.V. – eine völlig neue Einrichtung. Henri und Heiko waren zwei von den ersten 47 Mitarbeitern der 1991 neu eröffneten Werkstatt. 

Mittlerweile verfügt die Kreisvereinigung Aschersleben e.V., die heutige Lebenshilfe Harzvorland eGmbH, über eigene Wohnformen in verschiedenen Häusern und Werkstätten für die unterschiedlichsten Arbeiten. „Wir waren von Anfang an dabei“, erzählen Heiko und Henri stolz, „wir haben sogar beim Einrichten der Lebenshilfe mitgeholfen.“ Heute arbeitet Henri in der Werkstatt in Hoym. Derzeit packt er Schreibgeräte ein.Heiko schafft im Außendienst. Mit anderen Kollegen sorgt er dafür, dass die Außenanlagen des Leichtmetallwerks Novelis Deutschland GmbH in Nachterstedt sauber und gepflegt aussehen. 

In den Werkstätten lernte Henri 1997 bei der Herstellung von Tragetaschen für eine Kosmetikfirma seine spätere Lebensgefährtin Inge kennen: „Da ist ein doller Funke übergesprungen, und wir waren 25 Jahre ein glückliches Paar.“ 

Inge und Henri zogen 2001 nach Nachterstedt in eine gemeinsame Wohnung. Heiko lebte weiterhin bei den Eltern. Als die Mutter 2010 verstarb – der Vater war bereits 2001 gestorben – verließ er das Elternhaus und richtete sich eine kleine Wohnung - ebenfalls in Nachterstedt – ein. Tatsächlich unternahmen Inge, Henri und Heiko auch viel zusammen. Die Zwillinge achteten jedoch gleichzeitig darauf, unabhängig zu bleiben und ihr eigenes Leben zu führen. Zum Beispiel verreist Heiko sehr gern allein oder früher mit den Eltern. Er war bereits in Österreich, im Schwarzwald, Bayern oder der Schweiz. 

Das war nicht so das Ding von Inge und Henri. Sie blieben lieber zu Hause oder kümmerten sich um den Hund, während die Eltern Urlaub machten. Noch bis vor kurzem füllten Henri und Heiko, ohne Absprache mit dem Bruder, ihre Urlaubszettel aus: „Jetzt überlegen wir, ob wir nicht gemeinsam in die Ferien fahren sollten.“ Zusammenziehen aber ist für beide keine Option: „Jeder braucht seinen Freiraum und Selbstständigkeit“, sind sich die Müller-Zwillinge einig und geben gleich ein Beispiel:  Am Wochenende kochen und essen Henri und Heiko zusammen. Immer abwechselnd – in einer der beiden Wohnungen der Zwillinge. Danach unternimmt Henri ausgedehnte Spaziergänge, egal ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. Heiko dagegen geht nur mit, wenn er muss: „Ich bin lieber zu Hause und schaue einen alten Western.“ 

„Damit kann ich nichts anfangen“, entgegnet Henri, „ich schau im Fernsehen lieber Serien.“ „Hubert und Staller“ hat es ihm besonders angetan. Weihnachten oder Ostern werden bis heute zusammen gefeiert: Immer abwechselnd in ihren Wohnungen. „Jeder hat einen eigenen Baum“, erzählt Henri, „den wir gemeinsam schmücken“, berichtet Heiko. Auch Freunde besuchen sie fast immer gemeinsam: „Uns gibt es eben doppelt und das wird überall akzeptiert.“ 

Zusammen, aber auch allein – dank dieser Einstellung entwickelten die Zwillinge Jahr für Jahr eine immer größere Unabhängigkeit – Inklusion, ohne groß darüber zu reden. Doch es gab auch Sorgen und Kummer, zum Beispiel als Inge Ende 2022 starb: „Da brach für Henri eine Welt zusammen“, erzählt sein Bruder, „ich habe ihn getröstet, und unterstützt, wo ich nur konnte.“  Hand in Hand nahmen die Zwillinge Abschied von Inge und ließen ihren Tränen freien Lauf.

„Viel lieber lachen wir“, sagt Henri, „denn unsere Mutter hat dafür gesorgt, dass wir keine Trauerklöße werden, sondern Frohnaturen.“ Humor haben die eineiigen Zwillinge wirklich: „Wir teilen uns sogar unsere Krankheiten“, erzählen sie lachend, „das begann schon in der Kindheit mit Ziegenpeter.“ Später wurde festgestellt, dass Heiko und Henri an Diabetes leiden. 

Sogar an Krebs erkrankten sie beide: „Allerdings hat es Henri damals stärker erwischt als mich.“ Auch das wurde gemeinsam durchgestanden. Sogar in der Musik haben sie (fast) den gleichen Geschmack: Schlager- und Rockmusik aus DDR-Zeiten. „City, Frank Schöbel, Ute Freudenberg oder die Puhdys“ – ihr Geschmack ist breitgefächert. Heiko erinnert sich mit Freuden, dass er zum „City“-Konzert nach Thale gefahren ist. Henri wäre gern dabei gewesen, musste allerdings – wie er lächelnd erzählt – „Hansi Hinterseer ertragen, weil meine Inge für ihn schwärmte…“

Im Moment überlegen die Brüder, ob sie ein „Karat“-Konzert besuchen. Heiko will unbedingt, Henri zögert noch: „Mir gefiel die Stimme von Herbert Dreilich besser als die seines Sohnes“, begründet er sein Zögern. Allerdings wird er wohl doch mitkommen… 

Obwohl Henri und Heiko mit 57 Jahren noch mitten im Arbeitsleben stehen, denken sie des Öfteren über ihre Zeit als Rentner nach: „Wenn wir gesund bleiben, arbeiten wir noch bis zum 67. Lebensjahr. Wie andere Arbeitnehmer auch.“

Länger zu arbeiten, steht für die Zwillinge nicht zur Debatte: „Es gibt noch so viel zu erleben. In unserem Leben hat Langeweile keinen Platz. Das wird sich auch mit der Rente nicht ändern“, sind die Zwillinge überzeugt.Eine Meinung, die auch ihre Gruppenleiterinnen bei der Lebenshilfe, Janett Woschnitzka und Ines Teige, teilen: „Henri und Heiko sind nicht nur stets gut gelaunt. Nein, sie sprudeln auch über vor Ideen und schmieden Pläne für ihr aktives und selbstbestimmtes Leben.“ Vor dreißig Jahren wäre das so noch nicht möglich gewesen. Mittlerweile aber wird Inklusion von Tag zu Tag selbstverständlicher – und das ist auch gut so!